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ON SCREEN OFF LIMITS

Sneak Preview aus Produktionen von 2006-2009
TanztheaterEtage 14.03.2009

Ich war schon bei einigen Filmpremieren – mal in Cannes, mal in Hof – aber nie fragte mich jemand, ob ich eine Einführung geben wollte. Ich empfinde es als Vorzug, daß Gabriela mich fragte, ob ich ihren artclips ins Licht der Projektionswand helfen wollte. Was ich versuchen will, ist also:

Eine Art Einführung
von Wolfgang Petroll

ON SCREEN OFF LIMITS - Ein Screening ist es ja, eine Vorführung, ein Heraustreten des Bildes aus der Phantasie kommend, über die digitale Verschlüsselung hinaus auf die Projektionswand, in die Schnittstelle der eigenen Phantasien mit denen der Zuschauenden.
Also on screen: jeder trägt seine eigene Leinwand im Kopf, der Film bleibt immer derselbe, aber wir sehen ihn anders, weil wir anders sind und weil wir uns ändern.
Off limits, ungebunden, nicht in Konventionen befangen, frei schweben wollend in Zeit und Raum.
Eintreten in das verbotene Reich der individuellen, persönlichen Freiheit: ein privatissimum, unbehelligte Phantasie, die im Licht der Projektion in einen dunklen Raum strömen darf, um neue Phantasien zu erzeugen.

Sollte man da nicht Méliès und Münsterberg lesen, Eisenstein, Arnheim, Panofsky und Kracauer, Eco, Flusser, Feyerabend und sollte man da nicht versuchen, eine neue Filmtheorie zu kondensieren, für uns Technobildphantasten – oder sollte man in eine Art poetisches Wechselspiel eintreten, aus zeigen und sehen und reden, und zeigen und sehen und reden, zeigen und sehen ... ?

Ich werde lieber nur ein bißchen dasitzen und reden zwischen Bildern und Bewegung.

1

art / ars / Kunst ist eines der ärmsten Wörter der Welt, so mißbraucht wird es manchmal. Tröstlich ist: Gabriela Lang ist Künstlerin mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie wir atmen. Gabriela atmet ein, um Kunst auszuatmen, und dazu gehört, neben Tanz und Theater und Wort und Wissenschaft und, nicht zu vergessen, neben der sehr seltenen Kunst, bei anderen Kreativität zu erzeugen, gehört dazu auch die Kunst der bewegten Bilder.

Bewegungen: die aus Gedanken und Gefühlen und Körperlichkeit kommen. Die von Apparaten verarbeitet werden, nach unseren Phantasien geformt.
Körper und Geist und Seele, die ein und dasselbe sind am Ende einer lange Reise über Wege und Umwege und Irrwege von Vernunft und Unvernunft.

Über den digitalen Umweg gewinnen wir eine neue Aussicht auf die Phantasie, auf neue Phantasien, und neue Modelle von der Welt und von uns selbst.

In der kurzen Zeit, die ich mit Gabriela zusammenarbeiten durfte, habe ich viele neue Phantasien gesehen; ich habe auch erlebt, wie Tanz und Film zusammengehören: beides Künste, die aus Zeit leben, in Zeit, aus Licht und Bewegung.

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Die Tradition der kunsthistorischen Betrachtung verlangt erst einen beschreibenden Teil, dann die Deutung. Natürlich, jede Beschreibung eines Bildes, wie eines jeden Erlebnisses, ist eine Übersetzung, von etwas, was nicht sprachlich ausgedrückt wurde, in Sprache, und in jeder Übersetzung steckt auch Deutung, eine Aneignung, eine Verfremdung, eine Kolonialisierungsgeschichte.

Es kann nur versucht werden, das, was wir wahrnehmen, erst einmal, so gut es möglich ist, für sich stehen zu lassen.

Aber ich bin kein Kunsthistoriker, es heißt, ich treibe Medienästhetik – in Wirklichkeit habe ich nur einige Bilder gesehen, an einige erinnere ich mich immer noch, und einige davon haben begonnen, in mir ein Eigenleben zu entwickeln.
Sie sind jetzt in mir zu Hause, diese Bilder. Ob sie da glücklich sind?

3

Was läßt sich sagen von Gabrielas Filmen?
Film ist ein Werkzeug, das es uns erlaubt, Erlebnisse und Wandlungsprozesse aufzuzeichnen, ohne den Umweg über Worte nehmen zu müssen. Wir haben jetzt einen zweiten Umweg, den Weg der Bilder. Wohin uns das führen wird? Wir werden sehen...

Gabrielas Filme sind nicht nur Filme, sondern eine eigene Filmgattung, ein selbständiges, eigenwilliges Genre, mit ganz eigenen Formen, mit einer eigenen Grammatik, einer choreografierten, ertanzten Grammatik.

Eine junge Kunstgattung ist das: Seit 2006 erst sind gala_artclips in die Welt gekommen, wie Amaterasu, die Sonnengöttin, in einer japanischen Gestalt, Morgenröte und Abendrot in einem: „Geisha in Netzen“ heißt der erste Film, der im Rahmen eines ZKM workshop entstanden ist.

Schon bald erhalten Gabrielas Filme eine gemeinsame Überschrift, „artclip“ heißen sie.
Der Name verweist zunächst auf ein filmisches Subgenre, die Gattung der Künstlervideos, wie sie z.B. im ZKM zu sehen sind. Aber gala_artclips sind keine Museumsfilme, nicht in dem Sinn, als ob sie nur für Katakomben und Gruften eines kollektiven kulturellen Gedächtnisses, oder nur für Safes von Kulturgutsammlungen bestimmt wären.
Vielmehr sind es Filme aus Kreativitätsverstärkerspulen, die zurückfließen wollen in neue Kreativität; ein Filmfluß aus Performance in Film und zurück von Film in Performance ergibt sich dabei oft, und aus diesem Fluß angelt Gabriela ihre art_clips.

Auch im gattungsübergreifenden Schaffen der Künstlerin bilden diese artclips eine Art Subgenre, in das die anderen Gattungen interdisziplinär, frei von institutionellen Zwängen wieder eingehen: Worte, Wissen und natürlich Tanz, Theater.

„Art“, um Kunst geht es hier, „Clip“ heißt es bescheiden – was sind das für Filme?

Erstmal sind sie kurz - keine zwei Minuten manche, nicht viel länger als die ersten Edison- und Lumière-Filme aus dem 19. Jahrhundert - die meisten dauern fünf bis zehn Minuten, wenige nur länger.
Kurz sind sie also, wollen auch kurz sein; einige besondere werden nach und nach immer kürzer, auf einen Punkt gebracht;
haben alle einen Titel, der oft anfangs genannt wird, manchmal sich auch versteckt im Film, manchmal erst am Schluß steht;
haben meistens einen regelrechten Abspann, nicht standardisiert, aber an den Konventionen des Films orientiert, und damit gelegentlich auf Arbeitsteiligkeit verweisend, auf mehr als eine Beteiligte, oder auf mehr als ein beteiligtes Element, wenn die verschiedenen Bearbeitungsgänge von der Künstlerin selbst übernommen worden sind

4

Ein aufschlußreiches Bild taucht am Ende von gala_artclip 3 auf:
„Video / Schnitt“ einerseits, „Tanz / Choreografie“ andererseits heißt es da im Abspann. Also zwei verschiedene Gattungen, Video und Tanz, mit je einer ordnenden Herangehensweise, Schnitt und Choreographie. Wenn wir diese analytisch sauber getrennten Begriffe aber poetisch auflösen, aus der Reihenfolge ABAB in die Abfolge AABB, dann zeigen sich zwei andere Begriffe, die das Besondere der gala_artclips verdeutlichen können: Schnittchoreografie ergibt das nämlich, und Videotanz, in dieser Reihenfolge eben, nicht etwa Tanzvideo.

Ich meine, aufschlußreich ist das deswegen: Weil der Tanz im Videofilm von Anfang an enthalten ist. Das weiß die Künstlerin von Anfang an auch ganz genau, daß es hier nicht nur um ein Tanzvideo geht, eine bloße Aufzeichnung, besser den Aufzeichnungsversuch von etwas, was eigentlich auf einer Bühne stattgefunden hat (oder in unserem Fall auf einer Etage). Nein, es ist eben noch etwas anderes, mehr als nur ein Spieglein an der Wand, das da in einem starren Winkel hinge, wo man gar nicht immer alles sehen kann.

Erstens verändert sich der Tanz selbst, wenn er im Bewußtsein des Spiegels geschieht, und selbst zum Spiegel wird im Video; zum anderen wird das Video selbst als etwas eigenständiges aufgefaßt, das nach eigenen Gesetzen funktioniert, das diese Gesetze über die tänzerischen Bedingungen legt, und zurückwirken läßt, um im Schnittpunkt dessen, zu eigenen neuen Gesetzen zu finden im Gestalten, wie eben zu so etwas wie Schnittchoreographie. Filmmontage als Bildchoreographie, Bilder, die aus der Tiefe, von der Oberfläche und aus den Zwischenräumen unseres Erlebens ans Licht kommen.

Sollten wir hier einen Schlüssel zur Kunst gefunden haben? Sollten wir nicht versuchen, das choreographische Element im Bewegungsbild aufzuspüren?
Filme wie Mike Figgis „Timecode“ haben neue Formen der Kamerachoreographie erkundet, Gabriela Lang erkundet die choreographische Montage. Das erinnert an Eisensteins metrische Montage, ist aber noch etwas anderes, gar nicht so metrisch, mit viel Raum für freie Improvisation und spontane Entscheidungen, Montage, Collage mit einem guten lustvollen Schuß Dada.

5

Irgendwann habe ich angefangen, so etwas cinépoème zu nennen, es als eigene Gattung, über den poetischen Realismus hinaus gedacht, auch wenn es sich in vielen Filme von Renoir zeigt, oder in den Träumen von Kurosawa, in Hitchcocks dunkelsten Momenten, bei Werner Herzog oder David Lynch, bei Federico Fellini oder bei Jim Jarmusch.

Das ist nicht nur erzählerisches, novellistisches, romanhaftes oder theatralisches Kino, es ist ein poetisches, dichterisches - eine andere Art, die Vokabeln der Filmsprache zu deklinieren, ihre Verben zu konjugieren. Es ist eine Form, Bilder und Sprache zu choreographieren – nichts anderes ist ja Dichtung, rhythmisierend, oft verknappend, etwas verkürzend auf den Punkt bringen, zwischen den Handlungen und zwischen den Zeilen des gewohnten Lesens.

Muß Narration im Kino denn immer ein und demselben Schema folgen? Kann man nicht auch mit Filmen Gedichte schreiben? Viele, gerade die bedeutendsten Filmkünstler haben das gekonnt, eindimensional denkenden Kritikern und Theoretikern zum Trotz.
Wenn Kinofilm Erzählkino sein soll, wenn Film Geschichten erzählen soll – geht das denn nur immer auf ein und dieselbe Art und Weise? Als ob das Leben daraus bestünde, daß immer gerade etwas passiert - meistens passiert ja nichts, und manchmal, wenn etwas passiert, stellt sich noch etwas ganz anderes ein, ein Mehr an Bedeutung, das, was sich zwischen den Handlungen abspielt. Meistens braucht man etwas Geduld, um das zu entdecken, einen zweiten oder dritten Blick, mehr als uns die Unterhaltungsindustrie und manche Narrationstheoretiker des Kino gönnen wollen.

Lassen wir uns also die Zeit nicht nehmen, dehnen wir sie ein wenig, oder raffen wir sie, schauen wir ihr unter den Rock, wie es der ganz junge Belmondo tut, in Godards „À bout de souffle“, außer Atem, einmal mitten auf den Champs-Élysées, springt er aus dem Taxi, um den Rock einer hübschen Passantin zu lüften, und ist wie der Wind wieder verschwunden, - Nun, wenn wir einem Film unter den Rock schauen, dann finden wir gelegentlich ein Filmgedicht, ein cinépoème.

6

Am Anfang ist also die Bewegung, die Bewegung wird zu Tanz, zu Film, destilliert zu 100 % artclips.

Rohmaterial der Videos sind oft tänzerische, choreographische, performative Momente, unter Einbeziehung aller Ausdrucksmittel. Viele Fundstücke sind dabei.

Dabei wird Form Bewegung: Bilder, Bildfolgen, im Rhythmus der Zeit und der Orte. Räume werden dekonstruiert und rekonstruiert, zerschnitten und zusammengesetzt in der elementaren Geste der Montage von Zeit, oder sagen wir, in der Choreographie von Zeit, wo sie Zeit ihr menschliches und individuelles Maß findet.

Einige gemeinsame Themen ziehen sich durch viel gala_artclips: es geht um Leben und Tod, es geht um Mitteilung, es geht um Vertrautsein und Fremdsein.

Aus dem Bad im Jungbrunnen der Medien, Tanz und Video, im Wechselspiel der bewegten Bilder miteinander, ineinander übergehend, entsteht ein neuer medialer Raum, eine imaginäre Ebene des mehrdimensionalen Tanzes, ganz unabhängig von Zeit und Raum. (und damit Münsterbergs Formel vom Wesen des Films bestätigend.)

Jenseits von Zeit und Raum, vervielfältigt sich die Tänzerin, wird selbst zum Medium und erreicht im Medium die Nulldimension des Technobildes (wie Vilém Flusser das nannte). „der ort der stille ist am wirken“ heißt es artclip no.11. Das weist auch hin auf den Zustand der Leere, das Medium wird zur Meditation, die zum Einssein führt.

In der Bewegung die Grenzen des Mediums erfahren, sich darüber klar werden – die Bildwand anheben, um dahinter selbst hervorzukommen, erneuert, verjüngt gewissermaßen.

Oder in Schattenspielen mit sich selbst sich reflektieren. Schatten, die nicht nur Sinnbilder des Fortlebens nach dem Tode sind, auch auf die Schattenwelten unserer Hoffnungen und Projektionen verweisen, und die Schattenspiele des Kinos, neue Facetten der alten Höhle Platos, auf der Suche nach der wirklichen Welt – wo ist die denn? Finden wir unter der Sonne nicht immer wieder nur immer neue, andere Schattenspiele? Und doch, wo könnten wir uns und unsere Welt denn erfahren, wenn nicht in der Erfahrung unserer Schattenspiele?
„in meinen augen bin ich dich“ heißt es artclip 11.
Und weiter „sich aufstehen sich lachen“ also von der Versenkung zum Rausch, Versenkung in der Ekstase wenn man so sagen will.

7

Ich will zum Schluß kommen.
Nulla dies sine linea, sagen fleiße Menschen, kein Tag ohne einen Strich gezogen zu haben - nulla dies sine camera könnte man sagen wenn man sich die Liste der gala_artclips anschaut, die seit 2006 entstanden sind: mehr als 80 sind es schon.
Heute sehen wir nur ein gutes Dutzend davon in einer Sneak Preview.

Aber Gabriela ist eine unermüdliche Katalysatorin der Kreativität, ein one-woman-big-bang der artclip-Produktion:
Ich denke, wir sollten uns darauf vorbereiten, bald den 100. oder hundert und ersten zu feiern.

 

Liebe Gabriela: To be continued!

Ich wünsche Deinen artclips,
von weit geöffneten Augen gesehen zu werden!


gala_artclip notes
Bemerkungen von Wolfgang Petroll zu Filmen von Gabriela Lang
(ein medienästhetisches Ping-Pong-Spiel von uns beiden;
von mir: Teil Pong)

heute abend drehen wir das um, zuerst kommt Pong, dann Ping, das gibt ein Pong-Ping-Spiel.
Zum Aufschlag:

1
Licht ist mein Schatten (op.3, Okt. 2006) ca.12 Min.
artclip 3 ist der erste ganz eigenständige Film von Gabriela
Ein Autorinnenfilm, bei dem sie restlos alles selbst gemacht hat - cast und crew zugleich, und damit auch eine Stück Akrobatik.

Aber eine ganz klare Anordnung, geradezu ein experimentelles Design, ein Versuchsplan:
4 musikalische Stimmungen, über 8 Bühnenbildern, in 6 Kostümen, davor ein Titel, und danach ein Abspann, wie es sich gehört für einen Film.

Das ergibt:
Eine Folge von Metamorphosen, wie die von Ovid, aber nicht auf ein ganz bestimmtes Ziel hin, zu irgendeiner Apotheose, zu einer Vergöttlichung (wie bei den frühen Feenzauberfilmen von Pathé)
Eher kommen wir in eine Art offenen Regelkreis, ein dynamisches System.
Bühnenbildhafte Projektionen von objets trouvés, die in die dritte Dimension des Raumes vordringen; Schnitte, die sich in den Rhythmus von Musik und Bewegung fügen; Effekte, die mittanzen wollen; Verdopplungen und fließende Übergänge, Licht und Schatten:
ein elementarer Film einfach.

2
Sich selbst nachahmen (op.11, Juni 2007) ca. 6 Min.
Ein knappes Jahr später:
Ein Bad im Jungbrunnen der Medien

Ein Ort der Schwerelosigkeit, der Überlagerungen, Ebenen, die ineinander übergehen, frei im Raum zu schweben scheinen;
Häutungen des Raumes.
Schatten-Körper-Licht-Spiele, Doppel- und Dreifachbelichtungen, Licht über Licht in Licht
Und Leichtigkeit
Darüber Lauftitel, ein Reigen der Worte, zu Farben, und Gesten:
„sich selbst nachahmen --- verjüngt daraus hervorgehen“ – „der ort der stille ist am wirken“...

und zum schluß:
„sich von anfang an beginnen“

3
l’aéroport de Karlsruh (op.15, Juni 2007), ca. 6 Min.
Seltsam der Titel, befremdlich: Der Ruhe ist hier das kleine e abhanden gekommen!
Ein Reisefilm in die Nähe, und eine Entdeckungsreise in die Fremde, die fremde Nähe in diesem Fall.
Eine ethnographischer Film,
mit einem tagebuchartigen Reisebericht an einen Ort, wo sich die Vergangenheit der Zukunft in der Gegenwart zeigt

Im Ansatz ganz dokumentarisch, mit Kommentar, Worten, O-Ton: Klänge, Geräusche, original
„Natur- und Außenaufnahme“, wie bei den frühen Pionieren: Lumière, die allerersten Méliès-Filme.
Standbilder, einfache Photographie,
Photographie der Hinterfragung von Vertrautem:
Gräser, Büsche, Holz, am Schluß nur Luft und Wolken

Und im Geräusch, ein Monolog, der gelegentlich zu einer Art Gesang wird. Ein innerer Monolog in der Außenwelt

Ein realer Ort in der näheren Umgebung wird zu einem Ort zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung
Die Expedition begibt sich auf die Suche nach dem Willen:
Die Ethnographie, wird zu einer Momentaufnahme, zu einem Schnappschuss des Willens:
„den Willen immer noch zu haben...“
Fragen müssen offen bleiben.

 

4
Tenerife (op.17b, Juni 2007), 6 Min.
Auch ein Reisefilm, in die Ferne diesmal,
eine Entdeckungsreise in neue, in fremde Welten,
auch in digitale Paralleluniversen

Filmbotanik

Flora: Pflanzen, Blumen, Farbe
Fauna: eine Sammlerin – la glaneuse

Der Film wird zur Botanisiertrommel, von Formen und Bewegung

Und Sammeln gilt als die früheste Kultur- und Wirtschaftsform.

Eigentlich ein ganz konkreter Film:
Eine Sammlerin auf Neuland – viel zu entdecken, viel zu finden.

 

 

5
Ich selbst (op.18, Juli 2007), 10 Min.
Abstrakt – konkret, lebendig - medial
Erst ein typographisches Wortformenspiel
Dann ein Embryo, oder nein, nur ein Bild.

Bildhaftigkeit wird zu Abstraktion, Abstraktion zum Bild von Wirklichkeit, zum Leben erweckt.
Pränatale Verfremdungen: Details, Ausschnitte, Farbe, Kontrast

In der Zerlegung, in der Zeit wird das starre, tote Bild lebendig, geradezu dramatisch, gewinnt seine eigene Zeitlichkeit
„Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben,“ sagte Hölderlin.

Was die Abstraktion von Wort und Bild lebendig macht, ist die Bewegung des Films und unsere Imagination
Ein Aneignungsprozeß des Wortes „selbst“ und des Selbst-Bildes,
das in einer kurzen gala-Eigenbewegung zum Schluß kommt

 

6
Plastic (op.19, Juli 2007), ca. 4 Min.
Kein Industriefilm, eher über Produktion:
also über Hervorziehen, wenn wir das wortwörtlich übersetzen

Ein Film über Fließen
im Fluß der Bewegung
Häutungen in Bewegung, in Luft, und in Licht
Hüllen und Enthüllung
Raum im Fluß der Zeit

 

7
Yellow Stickdance (op.21, Juli 2007), ca. 2 Min.
Eine Kungfu-Filmkomödie, ein martial-art_clip,
die Tänzerin im Kampf,
in einem Kampftraining,
in der Matrix der digitalen Bilder

(vielleicht ein Kampf mit einem Schatten, einer Doppelgängerin:
the ONE and only)


8
Lichträume erhellen.
(op.37, Nov. 2007), ca. 8 Min.
Ein Film mit einem Untertitel: „Vom Reiz der Vergänglichkeit“
Ein Farbfilm in schwarz-weiss
Eine Koproduktion mit der Künstlerin Philine-Johanna Kempf, mit Gabriela in langjähriger Freundschaft verbunden.

Bewegung in bodenlosen Projektionswelten
Scheinbar ohne oben und unten - In Wirklichkeit ist überall Boden: Boden der Vergänglichkeit, von vergehen und entstehen lassen

Schachtelwelten aus Tanz, Mimik, Worten und Lichtbild, lösen sich auf in Licht und entstehen wieder neu, um in einem Augenblick zu enden.

Philine hat die projizierten Bilder gemalt und schmuggelt etwas rote Farbe in den Film, mit Gabriela bewegt sie sich und uns durch die Lichträume

 

9
Ein Zelt aus Zeit (op.42, Feb. 2008), 8 Min.
Ein Film am Ende des Winters.
Anfangs eine Bewegung weg vom Betrachter, dann statt eines Titel ein Vers:
- Ein Engel saugt aus weißen Nesseln die schrille Luft zu einem Zelt aus Zeit -
Der Totentanz ist ein beliebtes Motiv, aus Zeiten des Wandels. In unserer Landschaft, am Oberrhein, gibt es schöne Beispiele dafür aus dem Spätmittelalter. In Schweden hat Ingmar Bergman 1956 den Totentanz in einen Film übersetzt, „Das siebte Siegel“.
Im artclip sehen wir einen modernen Totentanz:
den Totentanz als Cinépoème, ein Gedicht aus Bildern und Worten, aus Bewegung und Verwandlung

 

10
Dada ist da (op.47, März 2008), 11 Min.
Eine Collage/Montage
Remix von Filmen ohne Ansehen der Herkunft, von einer Produktion im glücklichen Entstehen, von einem Textgenerator und einer Textgeneratrix, von beiläufigen Tonaufnahmen, ziellosen Geschichten

Bevor Dada da war, war Dada da, aber was ist Dada?
Auflösung von Subjekt und Objekt in Montage, Selbstaufgabe des Autorenbegriffs aus besserer Einsicht, das fröhliche Ende eines todbringenden deutschen Idealismus, Neugeburt einer lebendigen Freiheit von Kunst und Lebens, ohne Begrenzung der Phantasie?
Ist das alles, oder ist das etwa nichts?

11
Folie (op.48, März 2008), 7 Min.
Ein philosophisches Cinépoème

La folie / die Folie / das Ich / das Transparente
Das greifbare, nicht eigentliche
Das Andere im Ich
„Die Hülle der Vernunft“

(Vernunft, die verhüllt, die enthüllt,
die abschirmt oder schützt – wovor?)

Das durchsichtige und zugleich undurchsichtige
Das scheinbar durchsichtige.
Das weiße Rauschen, das die sinnfixierte Zeichenwelt überlagert und unterwandert, oder untertanzt, tanzend unterwandert

Die schützende Haut, die sich
In Raum- und Traum- Bewegung auflöst
In ein kaleidoskopartiges Formfacettenspiel

 

12
ritorno della luce (op.53c, Jan. 2009), ca. 3 Min.
Rückkehr vom Licht – im Genitiv der lateinischen Sprachen findet sich subiectivus und obiectivus friedlich vereint: das Licht selber kehrt zurück, und jemand oder etwas kehrt aus dem Licht zurück, ohne bestimmte Reihenfolge (oder Rangordnung).

Diesen Film gibt es in verschiedenen Varianten, mit verschiedenen Titeln – die längste Fassung, gala_artclip 53b, ist 25 Minuten kurz.
Diese Fassung hier ist die kürzeste, 3 Minuten lang; sie ist, als einziger gala_artclip, auch auf YouTube zu sehen.

Eine Koproduktion des Club Silenzio:
Ein Filmkonzentrat ohne Worte – kein hermetischer, in sich verschlossener Film, eher ein offenes Lichtspiel,
zu dem es noch einiges zu sagen gäbe, zu dem aber jetzt [SPOT OFF] nichts weiter gesagt werden soll.

13
Abercrombie and Fitch (op.63b, Juli 2008), ca. 4 Min.
Ganz zweifellos ein Hochsommerfilm

Eine Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Markenzeichen ist nicht beabsichtigt, und hat mit dem Film auch nichts zu tun.

Der Titel ist nicht sinngemäß oder als Name auszusprechen, sondern ist rein phonetisch gemeint, als Lautmalerei zu verstehen.
Daß der Titel dann auch im Bild erscheinen, ist weder ein Zeichen noch ein Wunder, sondern ein sog. Dopplereffekt, und muß also rein quantenmechanisch erklärt werden.

Aus einer ZAK Kreativitätswerkstatt, am Semesterende;
sehr bewegt, sehr schnell.
Alles löst sich irgendwie auf, um sich sofort neu wieder zusammenzusetzen:
zu einem cinétanzartpoèmeclip

14
skin shoes (op.70, Sommer 2008), ca. 6 Min.
Ein Hochsommerfilm,
ein Locarnofilm:
Ein Film über ein Gesicht und eine Berglandschaft,
eine alte Frau und ein kleines Mädchen,
über Schuhe und Häute, über Bäume und Licht

15
cityfights (op.82, Dez. 2008), ca. 5 Min.
Unser letzter artclip für heute abend ist ein Winterfilm
ein Film aus Karlsruhe, ohne zuviel Ruhe, ohne Karl,
aber mit Gabriela und Marie-Eve

Ein Film aus Standbildern,
aber mit zwei sehr bewegten Tänzerinnen,
die durch nächtliche Lichtbildern geistern
wie helle Schatten über dunkles buntes Licht.

Ist es ein Film, um ein Räucherstäbchen zu entzünden, eine heiße Tasse grünen Tee zu trinken und dann in die windige Nacht zu gehen –
oder ist es der Rauch des Räucherstäbchens, das langsam verglüht, der mit dem Duft des Tees in der Tasse kämpft, in einer regenfeuchten Nacht im Stadtgarten?

Nein – es ist die alte weise Kunst des Kampfes ohne Verliererinnen, ohne Verlust.
Eine seltene, kostbare Kunst, die manchmal fast vergessen scheint in dem, was wir Kunst zu nennen uns angewöhnt haben.

Also ein Lehrfilm, in Form eines Filmkoan, eines poetischen Rätsels sozusagen? Wer weiß!

wp
14.III.2009
I ? gala_artclips
Wolfgang Petroll 2009 // petroll@zak.uka.de

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